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Kunst-Sinn mit Hang zum Design

February 14, 2015

“Der Spiegel” (43/90) lobt die Noguez-Studie, da einerseits “auf der Dada-Folie Lenins Kunst-Sinn und sein Hang zu Massenerschiessungen plausibel” werde, andererseits “Dada-Worte, durch Lenin zu Fleisch geworden, ihre ganze Bedeutungstiefe” gewinnen würden, und regt an (hoffentlich im Sinne des schwarzen Humors Dadas gemeint), auch Hitler neu zu deuten: “als gescheiterten Maler etwa, der folgerichtig Englands Städte ‘ausradieren’ wollte, oder als zwanghaften Nichtraucher, der Rauch und Asche hinterliess.” Die “Neue Zürcher Zeitung” (Nr. 256) schrieb von “einer himmelstürmenden Konstruktion fragilster Art” und warnte vor der “Scheinkonstruktion” “Lenin dada”, denn es existiere keine grössere Diskrepanz als die zwischen dem politischen Aktivisten Lenin und den ungezwungenen rebellischen Dadaisten. Der herausgebende Verlag verkündet prophetisch:” ‘Lenin dada’ macht die wirklichen Gründe der Umwälzungen im Osten verständlich.

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Quelle: Opsent, Magazin für Kunst und Design.

” Was soviel meint, wie der Zürcher “Ta-ges-Anzeiger” (19.11.90) folgerte, dass “der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ein für allemal den Sieg des kapitalistischen Systems gezeigt habe oder eben: Lenin nichts als einen dadaistischen Spinner darstelle, der Leninismus eine krankhafte Perversion – und der ganze Sozialismus gleich dazu”. Der Literaturwissenschaftler Martin Rector entlarvte in einer Brandrede in Zürich (17.11.90) Lenin als “falschen Antipoden zu Dada”, Noguez’ Buch als “postmodernen Witz zu historischer Stunde”.

Wer ist dieser frankophone Forscher, der mit seiner angeblich brisanten Offenbarung die Historikergilde und die Kunstwelt zu erschüttern versucht? Der 48jährige Dozent an der Pariser Sorbonne für Film-und Literatur-Ästhetik Dominique Noguez hat 1987 das Nationalheiligtum Frankreichs, namentlich den Dichter Arthur Rimbaud, mit seinem Buch “Les trois Rimbaud” demontiert. Noguez entlarvte die Ignoranz der Pariser Intelligenz, die Rimbaud unkritisch, ja willenlos zu Füssen lag, und liess zehntausend Bände Sekundärliteratur der “Rimbaudologen” über Nacht zu Altpapier werden. Noguez hatte nachgewiesen, dass es keinen frühen oder späten Rimbaud gegeben hat, sondern nur einen Rimbaud, der vom Anfang bis zum Ende durch eine gleichbleibende stilistische Reife besticht.

Nach zweijährigem Quellenstudium legte Noguez letztes Jahr das jetzt in deutscher Sprache erschienene Buch “Lenin dada” (Limmat Verlag, Zürich) vor. Ziel seiner Untersuchung: Licht in die Tatsache zu bringen, dass Lenin und die ersten Dadaisten 1916 in Zürich während mehrerer Monate wie zufällig nebeneinander lebten und wirkten, was lange Zeit keine Beachtung fand. Während das Cabaret Voltaire, wie der Maler Hans Richter berichtet, “in der Spiegelgasse 1 spielte und radaute, wohnte schräg gegenüber, in der Spiegelgasse 12, in demselben Engpass also, in dem das Kabarett nächtlich seine Gesangs-, Gedichts- und Tanzorgien aufführte, Lenin” (Richter irrte sich, Lenin wohnte in der Nr. 14). War die Berührung von Dadaismus und Bolschewismus nur geographischer Natur? Noguez fand in den Schriften aus dem Jahre 1957 des rumänischen Malers Marcel Janco eine unbemerkt gebliebene und beiläufig geäusserte Stelle: “[Das Ca-
baret Voltaire] war der Treffpunkt der Künste. Hier trafen sich Maler, Studenten, Revolutionäre, Touristen, internationale Betrüger, Psychiater, die Halbwelt, Bildhauer und nette Spione auf der Suche nach Informationen. Im dichten Rauch, inmitten von Rezitationen oder Volksliedern erschien plötzlich das eindrucksvolle mongolische Gesicht Lenins, umgeben von seiner Gruppe, oder Laban, der grosse Tänzer mit dem assyrischen Bart.”

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